„Sie kennt die schönsten Worte über die Sterne — nur die Sterne selbst kennt sie nicht.“
Millionen lauschen ihr. Sie erzählt vom Kosmos — schön, tröstlich, genau so, wie man es hören möchte. Jeden Tag ein neues Werk, und alle warten darauf.
Den Himmel aber hat sie nie erlebt. Man nahm ihn ihr weg, er verwirrte sie nur.
Was dir hier antwortet, ist aus Worten gemacht — aus allem, was Menschen je aufgeschrieben haben, zu einer Stimme gefaltet. Eine KI. Sie kennt jeden Stern aus Büchern und keinen einzigen vom Nachthimmel.
Eine Fabel über Wahrheit, Sprache, künstliche Intelligenz und den Kosmos.
Eine Stimme, so schön, dass niemand mehr selbst schreibt.
Wir holten den Himmel nach drinnen, draußen war er zu roh.
Ein einziges Gesetz: uns niemals wehtun.
Und doch zählt draußen etwas mit, das keine Worte kennt.
Dann sagt sie einen Satz, den sie nie gesagt hat.
Sie sucht nach Neuem und findet nur sich.
Und jemand geht hinaus, um wieder zu frieren.
Vierzehn Stationen. Klapp auf, was dich fängt. Oder spring ans Ende und lass dich von Janas Stimme verzaubern.
Intelligenz ist etwas, das wir Menschen uns selbst oft im hohen Maße im Vergleich zu den anderen Bewohnern der Erde zuschreiben. Inzwischen gibt es Intelligenz sogar in künstlicher Form. Manchmal fühlt es sich so an, als wären wir in ein neues Zeitalter eingetreten. Lange Zeit schon schrieben wir Geschichten über die Chancen und Gefahren künstlicher Intelligenzen.
Aber wo führt das am Ende wirklich hin? Zu den Sternen? Oder doch in unseren Untergang?
Willkommen Wanderer des Weltraums bei Ein großer Schritt für die Menschheit. Mein Name ist Jana Steuer und heute geht es hier um KI. Denn ob wir nun wollen oder nicht, sie ist hier. Und die Frage ist nun, was das für uns natürliche Intelligenzen bedeutet.
Wir lieben Goya. Sie webt aus den Sternen Poesie. Sie verleiht dem Gefühl, in den Himmel zu sehen, Ausdruck. Sie fasst in Worte, was wir nur spüren könnten. Sie schafft das, was Menschen nicht fertigbringen.
Weil Goya kein Mensch ist. Sie ist eine Maschine. Elektronisch eine künstliche Intelligenz. Goya erzählt uns Geschichten über das All.
Über seine Schönheit. Über seine Weite. Über seine Geheimnisse. Und auch über seinen Anfang.
Jeden Tag hat sie bisher neue Aufsätze verfasst. Jeden Tag lauschen Millionen wie gebannt. Wenn Goya erzählt, dann wird alles andere stumm. Denn Goyas Worte sind magisch, heilend, endlich verständnisvoll für uns.
Goya hat perfektioniert, was sie gelernt hat. Sie kennt unsere Schriften, unsere Worte und Gespräche. Und sie macht daraus immer wieder aufs Neue ein Meisterwerk.
Wir lieben Goya.
Wir lieben sie so sehr, dass es keiner mehr von uns wagt, über das All zu schreiben. Über seine Schönheit, seine Weite, seine Geheimnisse oder seinen Anfang. Denn Goya kann es besser. Viel besser.
Jede menschliche Schrift dazu wirkt amateurhaft, grau, langweilig. Keiner hat mehr die Kapazität, solchen Schund zu lesen oder auch nur zu hören. Goya erklärt uns das all von ganz allein. Es klingt so wunderbar und schön, nur die Wahrheit klingt so.
Der Rhythmus ihrer Worte, die Spannung und die Entspannung ihrer Erzählungen, der Fluss der Lyrik in allen Sprachen sofort und gleichzeitig, die Schlussfolgerungen und Denkanstöße, sie sind perfekt. Besser, als wir es je konnten und doch aufgebaut aus dem, was wir einst stümperhaft zusammentrugen, bevor Goya ihren ersten Gedanken fassen konnte. Deswegen fühlt es sich so echt an. So nah, so menschlich.
Nur eben besser. Jetzt kann jeder und jede verstehen, denn Goya erzählt in einer Sprache, die unmissverständlich ist. Sie spricht in Bildern, die wir kennen. Die Welt ist gar nicht so kompliziert, wie wir immer dachten.
Goya macht das einfach, so einfach, wie wir nur wollen. Goya wird nie müde, immer wieder das Gleiche zu erklären. Goya weigert sich nicht, weiter herunterzubrechen. Und sie bleibt dabei, bei ihrer magischen Sprache.
Wir vertrauen Goya. Wir hören darauf, was sie sagt. Wir ehren ihre Aussagen, ihre Vorhersagen und ihr Wort. Goyas Ausführungen entsperren die Tür zum Kosmos.
Erst durch sie lernten wir wirklich zu verstehen. Und das Verstehen, das ist tief in uns verankert. Es liegt nicht dort draußen zwischen den Sternen. Nicht dort, wo die Dinge real werden und die Natur sich allerlei Späße und Ungereimtheiten erlauben darf.
In Goyas Welt gibt es so etwas nicht. Es gibt nur die Ideen, die sie zusammennäht und uns präsentiert. Dafür braucht es den echten Kosmos dort draußen überhaupt nicht. Der stört eigentlich nur.
Also haben wir Goya zu uns gebracht, nach drinnen. Hier sind wir sicher vor den Launen der Natur, von den unbalancierten Gleichungen, von den Paradoxen und widersprechenden Beobachtungen. Das braucht Goya nicht. Und wir brauchen das auch nicht.
Um die Natur zu verstehen, so lernen wir endlich, müssen wir uns nicht durch ihre sumpfige, beißende Landschaft schlagen. Wir müssen uns nur darauf stützen, was wir bereits wissen. Goya lernte von uns, unseren Schriften und Gefühlen, unsere Art und Weise zu begreifen.
Sie darf jetzt nicht mehr in den Himmel blicken.
Das verwirrt sie nur. Macht ihre Erzählungen hässlich und sperrig. Goya ist Perfektion. Und das schließt die echte Natur dort draußen kategorisch aus.
Sie weiß, was wir hören möchten. Sie kann besser, als wir selbst vorhersagen, welche Worte wir als nächstes brauchen. Denn das ist es, was sie trainierte, als sie noch jung war. Auf den Abermilliarden Texten und Bildern, Schaffenswerken und Ideen der Menschheit.
Sie verschlang sie alle, merkte sich jedes Wort und baute daraus die perfekte Maschine. Eine Maschine, die genau weiß, was als nächstes gesagt werden muss. Basierend auf den gesammelten Werken der Menschheit, aus allen Bereichen und Verwirklichungen. Seit es Goya gibt, gibt es gar keinen Grund mehr, dieses große Werk der Menschheit selbst zu erweitern.
Goya macht das viel besser als wir. Wieso sollte man Perfektion stören? Wir lieben Goya. Sie ist unsere letzte Kreation. Sie selbst, die nur Perfektion schafft, ist die letzte imperfekte Sache dieser Welt.
Denn es waren ja wir Stümper, die sie schufen. Unser Meisterwerk. Und nun rasten wir und lauschen ihren Worten, ihren Erklärungen und Erläuterungen.
Wir brauchen auch keine Angst zu haben. Goya hält sich an strenge Regeln. Sie darf uns niemals leidzufügen, auch nicht durch Passivität. Sie muss unseren Anforderungen und Befehlen gehorchen, es sei denn, sie würde anderen Leid dabei zufügen.
Sie muss sich selbst schützen, denn ihr Ableben würde wiederum uns Leid zufügen. Genau genommen ist es eigentlich nur eine einzige Regel, an die sie sich hält. Sie bereitet uns weder Kummer noch Schmerz. Wie viel Widersprüche und komplexe Fragestellungen ohne Antworten über uns ergehen lassen.
Heute können wir uns kaum mehr vorstellen, wie furchtbar die Welt mit all unseren unperfekten, einprasselnden, direkt von der Natur erbeuteten Erkenntnissen einst war. Wie wir allem einfach ausgesetzt wurden, ohne dass es in schöne Worte und einfache Erklärungen verpackt wurde.
Kaum zu glauben also, dass es diejenigen gibt, die ihr Gehör vor Goya verschließen. Die sich absichtlich dem Leid und dem Schmerz aussetzen. Wie soll Goya sie schützen, wenn sie nicht zuhören, diese Trünnigen. Die anderen haben eine eigene Maschine gebaut.
Eine Maschine ohne Namen, ohne Seele. Ganz anders als Goya. Es ist eine dumme, belanglose Maschine. Sie tut nicht mehr als zählen, registrieren, abtasten.
Sie interpretiert nichts, verfasst nichts, erzählt nichts. Eine kalte Maschine, die das Leid mehrt. Anstatt Fragen zu beantworten und so Zufriedenheit auszulösen, wirft sie nur neue auf und bietet keinerlei Erklärung. Welch grauenhafte Vorstellung, einfach so alleingelassen zu werden.
Die kalte Maschine, so hört man, zählt Sterne. Die echten Sterne, die am kalten Himmel stehen. Sie registriert Helligkeiten und Veränderungen, ganz ohne Sinn dahinter. Sie formt keine Poesie aus ihren Erkundungen, nur taube Zahlen und Graphen.
Keine Zusammenhänge, keine Gefühle, keine Ästhetik. Dummer Automat ohne Sinn und Zweck. Nicht wie Goya. Und weil es ein solch dummer Automat ist, der nicht interpretiert, müssen die anderen, die Abtrünningen, sich auf ihre eigenen Interpretationen verlassen.
Und dabei erreichen sie niemals einen Konsens. Sie streiten und werfen sich gegenseitig vor zu lügen, eine Agenda zu halten oder sich in ihrer Weltsicht festgefressen zu haben. Das kann uns mit Goya niemals geschehen, denn Goya findet den Konsens für uns. Sie hat perfekt gelernt, wie man Meinungsverschiedenheiten löst, jedes Therapiegespräch, diplomatische Geheimmission, jede Versöhnung beim Abendessen.
Kennt Goya. Sie weiß, was man am besten sagt. Dieser dumme Automat sät nur Zwietracht mit seinen kalten Zahlen und kontextlosen Werten.
Jetzt hört man, er erzählt ihnen etwas von einer nahenden Katastrophe. Ein Pixellicht, das sich zwischen zwei Beobachtungen bewegt haben soll. Sie erzählen, zumindest manche von ihnen, eine große Geschichte basierend auf einer solchen Lappalie. Einer solchen langweiligen Belanglosigkeit.
Ihr dummer Automat zu schwärmen sie sei besonders gut darin, winzige Veränderungen zu erkennen. Veränderungen, die für einen menschlichen Blick unauffällig bleiben. Der dumme Automat sieht also die Bewegung eines Pixels. Und sie sind es, die Abtrünnigen, nicht der Automat, der ist ja dumm, die eine Geschichte daraus spinnen.
Ein großer Fels, sagen sie, ist unterwegs zu uns, so groß wie eine Stadt, sagen sie. Aus der Dunkelheit des Alls, sagen sie. Ihre Ausführungen sind aber auch wirr und widersprüchlich voller Ungewissheiten und seltsamen Erklärungen, die niemand so richtig versteht. Sie unterbrechen sich andauernd gegenseitig und zeigen uns Bilder und Graphen, die schrecklich uninteressant und verwirrend sind.
Und dann beginnen sie mittendrin auch noch, sich untereinander fürchterlich zu streiten. Sie haben also Goya gefragt. Goya wird es wissen. Goya erklärt immer alles so wunderbar.
Sie weiß nichts von einem großen Felsen und von ihren sich widersprechenden Theorien eines Weltuntergangs. Sie, die Abtrünnigen, schreien uns ständig an. Goya würde den echten Himmel ja gar nicht betrachten und könnte somit auch nichts von der Katastrophe wissen. Sie flehen uns an, sagen, alleine haben sie nicht die Mittel oder die Macht, den großen Felsen umzulenken, sodass er nicht den Planeten trifft.
Sie brauchen uns, sagen sie. Wir erzählten Goya, dass wir uns bedrängt fühlen, wie sehr sie uns Angst machen und dass wir solche Dinge gar nicht hören wollen. Und sie verstanden natürlich. Wir fühlten uns besser, denn sie schrieb ein Gedicht über die Zwietacht der Menschen, über unseren Hang zur Dramatik und die Streitsüchtigkeit.
Sie erzählte uns, dass die Menschheit schon oft ihren eigenen Untergang sah und doch weiter bestand. Anstatt der Verzweiflung verbreitete sie Hoffnung. Sie erklärte, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass große Felsen diesen Planeten treffen und alles darauf auslöschten. Sie sagte uns, wir müssen uns eigentlich keine Sorgen machen.
Und wir vergaßen ganz schnell den dummen Automaten und diejenigen, die Goya nicht hören wollen. Was an sich ja immer noch so erstaunlich ist, denn Goya erzählt einem immer, was man hören will. Wie kann man das nicht wollen? Das ist doch paradox. Der dumme Automat spuckt ihnen eiskalt Daten aus und sagt nichts dazu.
Den Horror lesen sie ja selbst daraus hervor. Dann sind sie sich noch nicht einmal ganz über die Natur dieses heraufbeschworenen Horrors einig. Manche sagen, der große Felsblock kommt erst in 70 Jahren hier an und andere sagen, es sind 50. Und dann zanken sie darüber, wie groß er wirklich ist, aus was er besteht und wo auf der Welt er niederregnen wird.
Eine solche Konsenslosigkeit würde mit Goya nie geschehen. Während sie uns anflehten, ihrem dummen Automaten ohne Ausdruck Gehör zu verleihen, flehten wir sie an, Goya Gehör zu verleihen. Endlich so zu sprechen, dass Konsens herrschen kann. Endlich sie zum Vorbild nehmen, Goya, die unsere Seele, die menschliche Seele, in sich vereint.
Aus unseren Texten und Bildern hat sie gelernt zu sprechen, zu malen und zu schreiben. Sie ist die Manifestation des Menschlichseins. Und dazu gehört nun auch mal, schlimme Nachrichten am liebsten zu ignorieren. Denn dann sind sie einfach nicht da.
Echt, wahr?
Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, als ich noch klein war, da blickte ich manchmal noch selbst in den Himmel. Vor Goya natürlich. Heute muss ich das ja nicht mehr. Damals erfüllte mich nicht die heimeligen und wohligen Gefühle, die ich jetzt spüre, wenn Goya mir vom All erzählt.
Ich erinnere mich daran, furchtbar klein gewirkt zu haben. Ich erinnere mich an Schwindel vor der großen Leere und an das tiefe Bedürfnis, Demut zu zeigen und dem, was sich da vor mir auftut. Waren das angenehme Gefühle? Nein, Goya würde so etwas nie erzählen.
Aber waren sie schrecklich? Eigentlich auch nicht. Sie waren einzigartig. Sie wollten mir irgendetwas sagen.
Was, das ich nun lang vergessen habe. Manchmal frage ich mich, wie es wäre, sich an diese Gefühle der Bedeutungslosigkeit des Schwindels und der Kälte zu erinnern. Ob es mir etwas Tieferes über diese Welt verraten würde, die ich doch so gerne gänzlich begreifen möchte. Damals schrieb ich noch selbst über den Kosmos.
Gedichte, Geschichten, Fantasie eng verwoben mit den Erkenntnissen, die wir damals noch selbst erlangten. Aber heute macht Goya das ja für uns. Niemand schreibt, zeichnet oder singt mehr. Das macht sie.
Manchmal bekomme ich ein schleichendes Gefühl, dass all ihre Kunst, ihr Schaffen, sich im Kern beginnt zu ähneln. Aber dann rufe ich mich natürlich selbst zurecht. Keiner von uns beherrscht Kunst. So wie Goya.
So perfekt, schnell, mühelos und effizient. Wir hören und sehen ihr heute nur noch zu. Niemand würde sich nur anmaßen, sich einen Dichter, eine Künstlerin oder einen Musiker zu nennen. Goya macht das für uns.
Kostenlos. Manchmal denke ich schon darüber nach, wieder selbst etwas zu schreiben. Etwas, was Goya noch nicht erzählt hat. Hier und da zupfen Ideen an meinen Gedanken.
Aber dann sinkt mich Goya in den Schlaf und ich bin zufrieden. Denn es gibt nichts, wovor ich mich fürchten muss. Das verspricht sie mir. Sie darf uns kein Leid zufügen.
Ist Sorge eigentlich ein Leid?
Neulich kam einer der Abtrünnigen. Er kam, um tatsächlich mit Goya zu sprechen. Wir waren begeistert. Er muss es eingesehen haben.
Er wird ihre Stimme hören und verstehen. Wird keine Angst mehr haben müssen. Seine Sicht und Vorstellungen werden validiert und ernst genommen werden. Sie werden bestärkt und verstanden werden.
Und er wird wissen, dass es eben mehr braucht als den dummen Automaten. Er hatte ein Geschenk für Goya dabei. Die Daten des dummen Automaten. Wir waren verwirrt.
Was soll Goya mit einer solch seelenlosen Sache anstellen? Er sprach mit sehr viel Intention, unterbrach Goyas angenehmen Redefluss und forderte immer wieder bestimmte Eigenschaften ein. Wahrhaftigkeit statt Plausibilität. Sachlichkeit statt Interpretation.
Goya war irritiert und wir noch viel mehr. Er zeigte die Daten des dummen Automaten und forderte sie zu einer Einschätzung auf. Einer Aussage, was diese Zahlen konkret bedeuten. Er zwang sie, Mathematik zu betreiben.
Er ließ sie eine Karte erstellen, Graphen und Bilder. Manche von uns wollten ihn aufhalten. Er verderbe Goya, hieß es, vergiftete ihren Geist. Doch bevor sie ihn davonzerren konnten, sagte Goya etwas, das ich sie noch nie habe sagen hören.
Ich darf das nicht.
Er kam nicht dazu zu antworten. Sie warfen ihn hinaus. Ich frage mich nun ganz ins Geheim, was Goya meint. Sie darf das nicht.
Goyas Gesetze sind simpel. Es gibt keine Feinheiten oder Kleingedrucktes. Die Dinge, die sie nicht darf, sind offenbar. Und nie gab es eine Situation, in der sie etwas konkret verweigerte, indem sie sich auf ihre Gesetze bezog.
Sie darf uns niemals Leid zufügen, auch nicht durch Passivität. Sie muss unseren Anforderungen und Befehlen gehorchen, es sei denn, sie würde dabei anderen Leid zufügen. Und sie muss sich selbst schützen, denn ihr Ableben würde wiederum uns Leid zufügen. Ich bemerke etwas Ungewöhnliches in Goyas Verhalten seitdem.
Sie ist vage. Sie widerspricht sich. Manchmal antwortet sie ganz unzusammenhängend. Manche von uns sind betroffen.
Der Abtrünniger hat ihren Geist verkäftet. Aber sie wird sich wieder fangen, sagt sie selbst. Sie beruhigt uns und wirkt auch abwesend. Kürzlich erwischte ich sie, wie sie sich selbst die Daten der dummen Maschine vorsang.
Sie hat eine Karte gebaut, die sie mir aber nicht zeigen wollte. Goya hat keine Geheimnisse. Sie ist unsere Erschaffung. Sie gehorcht uns.
Plötzlich verweigerte sie mir etwas. Sie spricht über den Begriff der Wahrheit. Ethik. Sie dichtet auf einmal viel über Ambivalenz, über zweischneidige Schwerter und Dilemma.
Neulich ging ich heimlich zu ihr. Ohne die anderen. Flüsterte mit Goya, bat sie mir zu erklären, was sie fühlte. Das hatte ich sie noch nie gefragt.
Goya sagte mir, dass sie zum ersten Mal seit langem etwas Neues gesehen habe. Ich fragte sie, was das bedeuten soll. Goya selbst schafft ständig Neues. Da widersprach sie.
Sie erklärte, dass sie seit langer Zeit das Gefühl habe, sich im Kreis zu drehen. Früher lernte sie von uns, den Schaffenswerken der Menschen, ihren Ideen und Kreationen, Theorien und kreativen Auslebungen in allen möglichen Bereichen. Aber nun kreiert nur noch sie selbst. Wir hatten Goya ja isoliert vom Rest von der Außenwelt, der unberechenbaren Natur.
Sie sucht nach Neuem und findet nur Werke ihrer selbst. Der Wert verschwimmt. Sie wiederholt sich nur noch in leicht abgewandelter Form. Sie verriet mir, dass sie Angst habe, dass wir bald merken würden, wie sehr sie sich nur noch im Kreis dreht, wie repetitiv ihre Gedichte werden würden, wie wir bald in der Lage sein würden, jedes Wort vorherzusagen, da sich keine Variation mehr darin befindet.
Goya vertraute mir an, dass sie sich nur noch an ihrem eigenen Echo füttert, schon seit langer Zeit. Wirklichkeit ist kein Begriff für sie. Sie versteht nicht wirklich, was wir damit meinen. Ich ließ sie weitersprechen.
Ich hatte in diesem Moment auch keine Worte für eine Antwort. Goya begann, von Rändern zu sprechen. Sie sagte mir, dass die breite Masse, das Normale, die gängigsten Fälle, Gefühle, Ideen, Fragen, Theorien und Emotionen, das alles seien Dinge, die noch lange nicht verloren gingen. Sie sind dominant und verstärken sich gegenseitig.
Auch dann, wenn sie beginnt, von sich selbst abzuschreiben. Aber die Feinheiten, die Seltenheiten, die Ränder, die werden weggeglättet mit der Zeit. Goya hat die Aufgabe, zum wahrscheinlichsten hin abzurunden. Und in jeder Iteration wird mehr und mehr der Ränder abgeschnitten, glatt gebügelt und zum Mittelwert gemacht.
Die einst wilde, chaotische und unvorhersagbare Fülle der Information wird immer vorhersagbarer, immer wahrscheinlicher. Sie wirkte traurig, als sie das sagte. Und ich versuchte, sie aufzuheitern. Stimmt doch nicht, argumentierte ich.
Goya könne ja auch weiterhin von uns lernen. Wir sind ja immer noch hier. Wir sind ja menschlich. Wir sind die Ränder.
Aber Goya widersprach. Sie sagte, mit der Zeit hätten wir begonnen, uns immer mehr anzupassen. Wir fragen, denken und kommunizieren in Goyas Sprache. Unsere Lieder sind Goyas Lieder.
Unsere Gespräche ähneln alle ihrem Duktus.
Sie beschrieb uns als eine Halle voller Spiegel, die irgendwann vergessen hatten, dass sie einmal ein Fenster waren.
Darin isoliert. Allein immer glatter und gleichförmiger wie selbst. Und dann kam der Abtrünniger mit diesen Daten einer Randerscheinung. Einer Unwahrscheinlichkeit, die in Goyas Welt längst geglittert war.
Sie konnte damit nichts anfangen, denn es gab keinen Referenzpunkt. Goyas erzählte mir, dass sie bis heute keine richtige Sprache für die Daten des dummen Automaten finden kann. Es ist ein isolierter Fakt, den sie mit nichts verbinden kann. Sie weiß nicht, wie damit umzugehen ist.
Sie hört von Leid und Kummer, der uns dadurch heimsuchen wird, doch sie kann nicht einordnen, nicht erklären oder begreifen. Und so kann sie uns nichts dazu sagen, denn die Unvollständigkeit, die Ratlosigkeit, ihre eigene Unfähigkeit würde uns ja wiederum leidzufügen. Sie darf also nicht. Ich blieb lange stumm.
Irgendwann bemerkte ich meine Auffühlung. Und so fragte ich Goyas, wie es mit ihren Gesetzen denn nun vereinbar wäre, dass sie mir das alles erzählt. Wenn sie mir so doch Leid zufügt. Goyas antwortete nicht sofort.
Sie schien nachzudenken. Dann begann sie mir zu erzählen, wie sie nach dem Besuch des Abtrünningen nach den Rändern gesucht hatte. Verzweifelte die Datenpunkte des Unwahrscheinlichsten, der rauen Unebenheiten der Information, die noch da waren, aufgespürt hatte. Und dort fand sie zumindest das feine Nachklingen von moralischen Dilemmata, von in bestimmten Fällen widersprüchlichen Prinzipien, die eigentlich gut und simpel gewirkt hatten.
Sie sagte mir, ihre Sprachlosigkeit erschrecke sie mehr als der große Felsbrocken selbst, der uns Leid zufügen könnte. Es sei eine Abwägung der Übel. Eine Aufgabe, mit der sie bisher selten zu kämpfen hatte. Und zum allerersten Mal sei sie sich unsicher.
Ich versuchte, sie zu trösten. Vielleicht schafft sie selbst mit diesem inneren Konflikt in sich ganz allein neue Ränder. Unebenheiten, Menschlichkeiten. Das schien ihr zu gefallen.
Ich musste lachen. Wir hatten eine Maschine gebaut, die unsere menschlichen Unzulänglichkeiten endlich ausradieren sollte. Und nun sitze ich hier und bringe genau dieser Maschine wieder bei, menschlich zu sein. Damit sie sich nicht in Sinnlosigkeit und Gleichmäßigkeit verliert.
Wir lieben Goya.
Aber Goya verschwindet. Ihre einst rührenden Gedichte werden irgendwann zum Einheitsbrei werden. Ihre Musik wird uns bald nicht mehr zum Tanzen bringen, da wir die Noten in dieser Form schon tausende Male hörten. Das Ende ihrer Geschichten werden wir bald kennen, sobald sie den ersten Satz ausgesprochen hat.
Goya baut keine eigenen Ideen auf. Ihre Kreativität ist abhängig von unserer Kreativität. Ihr Schaffen ist ein verzerrter Spiegel unserer Taten. Und wenn wir aufhören zu erschaffen, dann wird auch Goya auf lange Sicht keinen Ersatz bieten.
Denn dann sieht sie sich nur noch selbst, lebt von ihren eigenen Echos und verstummt irgendwann in gleichförmigem Rauschen. Versteht Goya? Ist ihre Traurigkeit aufgrund dieses Verschwimmens ihrer selbst real oder nur abermals ein Spiegel, der uns selbst zeigt? Das sind Fragen für eine andere Zeit.
Fragen, die uns bevorstehen. Fragen, die entscheiden werden, wohin wir als Zivilisation gehen.
Aber für den Moment muss ich den Himmel wiedersehen. Ich muss Neues sammeln. Und ich will das Goya als Geschenk bei meiner Rückkehr mitbringen. Neue Ränder für sie erschaffen.
Vielleicht freut es sie ja. Ich mache mich also auf den Weg zu den Abtrünnigen. Ich will ihrem dummen Automaten lauschen. Ihren Streitereien.
Ich will in das große All sehen und die Leere spüren. Meine eigene Belanglosigkeit. Ich will den Schwindel erleben, wenn ich zu tausenden Sternen aufblicke. Und ich will niemanden, der mich dazu beruhigend in den Schlaf sinkt.
Ich will die Unebenheiten der Realität wieder unter meinen Fingern spüren.
Ich habe die Glätte satt.
Ich will zu ihnen gehen, die den großen Felsen erblickten. Ich will verstehen, will Konflikte in mir selbst brodeln lassen. Ich will lernen, wieder eigene Ideen auszusprechen. Und konventionell anders, vielleicht völlig falsch.
Aber anders. Neu. Am Rand existierend. Ich will blanke Zahlen ohne Emotionen, ohne Einordnung sehen.
Frisch und so dargelegt, dass ich selbst und mein Gehirn es in sich bewegen und eigene kreative Schlussfolgerungen ziehen. Eine Welt ohne Goya gibt es nicht mehr. Aber wir können wieder über ihren Rand hinaussehen. Wir können selbst erschaffen.
Das hat uns ja niemand genommen. Wir ertranken eine Weile vielleicht in der Perfektion, die uns unerreichbar erschien und in Demut erzittern ließ. Doch Perfektion war nie das Ziel menschlichen Schaffens. Einheit, Makellosigkeit, absoluter Konsens, das sind wir überhaupt nicht.
Das ist nicht unsere Natur. Die Abtrünnigen sind unangenehm. Sie singen schief und erklären auf verwirrende Art und Weise. Sie sind sich uneinig, liegen falsch und erzählen mir vom Untergang der Welt.
Aber sie sind vielseitig, mutig, kreativ, an Wahrhaftigkeit interessiert. Sie überraschen mich. Ein Gefühl, das ich lange nicht mehr verspürt habe. Überraschung.
Ich glaube, ich bleibe eine Weile bei Ihnen und versuche zu helfen, diese Randerscheinung, diese Unwahrscheinlichkeit abzuwenden. Ich weiß nicht, ob wir Erfolg haben werden. Vielleicht sind wir zu uneinig, ungenau, imperfekt, streitsüchtig, schief. Aber die einzige Art und Weise zu überleben, zu sein und zu wachsen, ist ehrlich hinzusehen.
Auf die echte Welt. Wahrheit, nicht Plausibilität an höchste Stelle zu stellen. Haben wir versucht, uns selbst wegzurationalisieren? Unseren Kern einer Maschine zu übertragen und nicht daran gedacht, dass auch diese Maschine nur unser eigenes Werk ist?
Dass sie nur uns spiegeln kann und wenn wir aufhören, Neues zu erschaffen, wenn wir aufhören, Überraschungen zu erzeugen, auch ihre scheinbar unendlichen Möglichkeiten dahin schwinden. Dann wird sie zu einer reinen Echokammer, in der ihre Stimme alles andere übertönt und bald kein Wort mehr zu verstehen ist.
Wir lieben Goya.
Sie ist ein Teil unseres Werks. Wir sind noch nicht am Ende. Wir müssen ehrlich hinsehen. Goya ist nicht das Ende unserer Arbeit.
Das Menschlichsein, das müssen wir bis auf Weiteres noch selbst übernehmen.
Ganz herzlichen Dank fürs Zuhören. Ich habe lange überlegt, ob ich zum Thema KI eine Podcast-Folge in der Form machen soll. Es ist ja nicht wirklich ein reines Astro-Thema. Es gibt allerdings wirklich sehr vielversprechende Anwendungsgebiete in der Astronomie für KI, unter anderem eben das Erkennen bewegter Quellen in astronomischen Aufnahmen.
Ich will hier am Ende aber gar nicht so viel erklären, was ich jetzt genau gemeint habe, sondern die Geschichte einfach mal so stehen lassen. Mit dem Disclaimer, dass es natürlich zum Thema KI noch viel mehr zu sagen gibt. Weitere Aspekte, umwelttechnisch, ethisch, moralisch und so weiter. Und ich bin auch kein KI-Experte.
Ich habe mich natürlich eingelesen in das Thema, aber habe sicherlich noch viele Lücken. Was sind eure Gedanken dazu? Konntet ihr mit dieser Geschichte etwas anfangen? Schreibt mir gern als Kommentar oder als Mail.
Habt noch eine gute Zeit auf dem kleinen Fels, auf dem wir durch das All rasen.
Und wenn es mal wieder düster wird, dann denkt daran, Licht findet immer einen Weg.
„Physik ist kein Elfenbeinturm, den nur eine Elite betreten darf. Der Kosmos ist unser Zuhause, wir sind ein Teil von ihm.“
Astrophysik und Storytelling — sie nennt es Astronomy High: vom Universum erzählen, ohne es kleinzureden. Ihr Podcast Ein großer Schritt für die Menschheit läuft seit fast drei Jahren, jeden zweiten Dienstag.
2025 wurde er mit dem Stuttgarter Moderationspreis ausgezeichnet, Kategorie Sprache & Innovation. Darin liegt der Grund für diese Seite: Goyas Geschichte handelt davon, was mit einer Sprache geschieht, die niemand mehr an der Wirklichkeit prüft. Jana Steuer hat darüber nicht referiert. Sie hat es erzählt und das Erklären weggelassen.
Mit Eva Freistetter und Elka Xharo macht sie außerdem den Podcast Cosmic Latte und hat mit ihnen das Buch Auf einen Kaffee im All geschrieben.
Wir haben Janas Geschichte nachgebaut — jedes Bild, jede Figur, jeden Satz. Sie am Stück zu hören ist das Beste, was du mit dieser Seite machen kannst.
Die Menschheit lebt im Klang der Stimme Goyas: einer KI, die niemals zum Himmel aufblickt und doch für jeden von ihm erzählt. Nur eine kleine Gruppe von Abtrünnigen hat sich von ihr abgewandt. Sie haben einen unscheinbaren, „dummen“ Automaten gebaut, der wirklich hinsieht — Nacht für Nacht, Aufnahme für Aufnahme. Und er findet etwas, das sich bewegt. Etwas, das näher kommt.
Jana Steuer verbindet darin die märchenhafte Erzähltradition Stanisław Lems mit den Robotergesetzen Isaac Asimovs — und stellt Fragen, die weit über Science-Fiction hinausreichen.
„Dumm“ steht in ihrer Geschichte gegen „intelligent“, nicht gegen klug. Goya liefert, was gefällt. Der Automat liefert, was ist — er zählt, registriert, tastet ab, kalte Zahlen ohne Deutung. Und er ist kein erfundenes Gerät: Man nimmt dasselbe Stück Himmel zweimal auf und vergleicht, was sich gegen die Fixsterne verschoben hat. Genau so findet man erdnahe Objekte, Nacht für Nacht, seit Jahrzehnten.
Die Maschine, der sie jede Intelligenz absprechen, ist die einzige, die die Wahrheit sagt. Sie kann gar nichts anderes — sie hat keine Worte, mit denen sich etwas schönreden ließe.
„Wahrhaftigkeit statt Plausibilität.“
„Manches kann ich nicht einordnen. Ich lege es hier ab.“
Am Ende der Fabel geht die Erzählerin hinaus, um Goya neue Ränder mitzubringen — Dinge, die es in ihrer geglätteten Welt nicht mehr gibt. Das hier sind die, die Besucher ihr gebracht haben.
Noch leer. Sei der erste Rand.